Eine Nacht, die niemals endet: Eine kleine Clubgeschichte

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16 Stunden in einem Berliner Club – da sieht und erlebt man einiges. Warum genau ein Fisch und ein Bauarbeiter, ein Römer und Maria und Josef an der Bar stehen? Nun, das versuche ich selbst noch zu verstehen.

Um vier Uhr rein, um 19 Uhr raus. 16 Stunden Ekstase, Leidenschaft, Spaß, Momente, die immer in Erinnerung bleiben (hoffentlich). Ich möchte gern erzählen, was meine Freundin Bruna und ich erlebt haben. Ich versuche es. Aber ich bezweifle, dass ich es so wiedergeben kann, wie es wirklich war.

Man stelle sich den Club vor: Zwei Räume mit Tanzfäche und Bar, dunkel, nur durch Laser und Stroboskop-Lichtblitze erleuchtet, dazwischen ein rotbeleuchteter Aufenthaltsraum mit Bar und Sitzmöglichkeiten. Darunter auch eine Badewanne zum Chillen. An den Decken hängen Stofftiere, auf einer Plattform sitzen ein Affe und ein Fuchs mit Händen. Die Stimmung war mal wieder wirklich toll. Positiv, lustig, gut gelaunt, offen und rücksichtsvoll. Auf den Tanzflächen eine wogende Masse, zum DJ gerichtet, zum Takt wippend. Ein Ufo an der Decke wirft einen Lichtkegel hinab. Rauch steigt auf und von den oberen Tribünen aus betrachtet, wirkt es wie ein Meer aus dem Nebel aufsteigender Körper. Die einen bewegen sich langsam im Takt, die anderen sind schneller unterwegs. Einige sind bei sich, die anderen feiern gemeinsam. Aber alle, so scheint es, lieben und fühlen die Musik.

Das ist Techno.

Aber das Besondere an diesem Abend sind die Menschen, die alle so bunt, abgedreht und verrückt angezogen sind. Bei jedem Outfit frage ich mich, wo die wohl gerade herkommen. Da stehen Maria und Josef, da tanzt ein Römer. Da sind zwei Typen mit Tortenhüten auf dem Kopf. Ein sehr absurder Anblick ist ein Mann an der Bar, als Fisch verkleidet. Sein Hut ein künstlerisches Gebilde als Fischkopf, ihm gegenüber steht ein Bauarbeiter. Überall sind die Menschen in glitzernde Gewänder gehüllt. Männer in Glitzerleggins, Glitzerkimonos und Mäntel. Auf einmal läuft ein halber Circus an uns vorbei. Ein Mann als Dompteur, ein Zirkusdirektor und viele Akrobaten in Sternen-Leggins.

Als ich auf Toilette war und zwei Akrobaten vor mir anstanden, musste ich fragen. „Von welcher Party kommt ihr? Aus dem KitKat vielleicht?“ Muss ja eine Mottoparty gewesen sein, dachte ich mir. Die Antwort war erstaunlich: „Wir kommen ganz frisch von zuhause. Wir haben uns gerade so fertig gemacht.“ Alles klar. Ob Maria und Josef und der Römer auch von zu Hause kamen? Ich war verwirrt.

Irgendwann kamen wir dann mal wieder in den Chillraum. Ups, 10 Uhr… schon hell…Die Sonne schien durch das lichtdurchlässige Dach. Unser Blick fiel auf zwei Männer an der Bar in zwei mit vielen Katzengesichtern bedruckten Anzügen, oder waren es Schlafanzüge? Als wäre es das normalste Outfit der Welt. Und schon wieder etwas Neues: Ein Typ mit einem Brathähnchenhut auf dem Kopf lief wie selbstverständlich an uns vorbei. Und auf der Bank hinten in der Ecke saß ein König mit selbstgebastelter Krone. Wir guckten uns an und brachen in Gelächter aus. Das muss man erstmal verstehen.

Wir wurden zum Clubinventar

Mit den Stunden, die vergingen, wechselten auch nach und nach die Menschen. Es kamen neue dazu, andere sah man nicht wieder. Wenn man 16 Stunden im Club ist, entdeckt man einige wenige aber immer wieder, die ebenso lange bleiben. Wir fühlten uns schon fast wie das Inventar des Clubs.

Über dem Dancefloor gibt es noch einen darüber gelegenen Bereich mit Sitzmöglichkeiten und Blick auf die Tanzfläche. Dorthin begaben wir uns hin und wieder. Und einmal sah ich, wie ein junger Mann an einer Tür stand und durch die Bretter hindurchblickte. Ich wollte auch wissen, was er sah. Und so standen wir, seine Begleiterinnen und Bruna an der Tür und schauten hindurch. Man sah nicht viel. Aber plötzlich sprang die Tür auf. Er hatte zufällig das Schiebeschloss mit einem Finger lösen können. Was haben wir gefeiert. Ein eigener Privatraum nur für uns. Dort saßen wir nun und lachten. Aber so ganz allein ist es doch nicht so cool. Also wieder raus.

Ich musste kurz sitzen. Neben mir ein Typ, schon in seiner Jacke, aufbruchbereit. Zumindest äußerlich.

Er sagte an mich gewandt: „Eigentlich wollte ich schon lange los.“

Ich nickte ihm verständnisvoll zu. Wir schafften es ja auch nicht aus dem Club. Und so blieb er noch sitzen und wir feierten weiter.

Auf der Tanzfläche entdeckten wir als nächstes einen Tannenbaum. Also nicht wirklich, aber einen Menschen, der mit einer Kerzenlichterkette bestückt war. Und so tanzte er und leuchtete und wir freuten uns. Als wir ein nächstes Mal in den Aufenthaltsraum stolperten, war es bereits wieder dunkel. Wir besprachen uns. Bis 18 Uhr würden wir noch bleiben. Dann sei Schluss! Dann wären wir 20 Stunden unterwegs, 16 davon hier. Und während wir so sprachen, kamen neue Leute. Und dieses Mal rollten sie Koffer mit sich. Und einer trug ein Cello. Ich verlor langsam den Glauben an mich selbst. Aber als wir pünktlich um 18 Uhr zur Garderobe gehen wollten, wurden wir von einer Menschentraube gestoppt – und alles ergab einen Sinn. Dachte ich.

Wir standen plötzlich in der ersten Reihe einer GANZ komischen Vorstellung

Vor uns stand ein kleines Orchester aufgebaut. Da stand das Cello und noch einige kleinere Instrumente mit ihren Spielern. Ein Mann in einem rosa Tütü mit weißen Rüschen sprang mit einem Satz in die Mitte vor das Orchester. Er hatte rosa Wangen und Lippenstift aufgelegt und sang lauthals eine Arie in höchsten Tönen „Figaro Figaro Fiiiiiigaroooo“ und den restlichen Text dazu. Sprang herum, hüpfte auf die Bar, köpfte Sektflaschen, schmiss die Korken durch die Gegend und füllte das sprudelnde Gesöff in die Münder der Menschen. Nur leider nicht in meinen.
Als sein Part beendet war, legte ein anderer los. Er stand über unseren Köpfen, wo auch der Stoffaffe und der Fuchs saßen und hielt einen Strauß Rosen in der Hand. Er besang die Suche nach der Liebe und verteilte die Blumen unter den Anwesenden. Ich war fest davon überzeugt, dass alle, die ein Kostüm trugen, für diese Vorstellung da waren. Denn eine dritte Sängerin legte ebenfalls eine Show hin und involvierte einen der Circusakrobaten. Da war ich mir sicher, dass hier gleich noch etwas Akrobatik gezeigt würde. Aber sie schenkte ihm nur etwas Sekt ein, setzte ihn auf einen Hocker und fesselte seine Hände. Dann sprang ein Mann in Frauenkleidung zwischen seine Beine und vollführte einen kleinen sexy Tanz. Aber weder der Fisch, noch der Römer oder Maria und Josef spielten mit.

Feiern gehen ist hier mehr als nur ein bisschen tanzen. Es ist ein Gefühl. Das ist mir hier mal wieder besonders bewusst geworden. Wie auf den vielen Festivals in groß, war auch in diesem Club das Gefühl einfach man selbst zu sein im Vordergund. Und wenn man Lust hat, sich zu verkleiden, rumzuspringen, Fremde zu umarmen, Glitzer zu versprühen, dann darf das so sein und jeder freut sich mit. Wenn es außerhalb dieser Räumlichkeiten nicht "angebracht" ist, kann man sich hier voll austoben.

Und so ging eine lange Nacht und ein langer nicht enden wollender Tag doch noch zu Ende. Ein würdiger bunter Abschluss eines kunterbunten Abend (und Tages). Und es werden noch viele folgen...